Rennsteiglied und Rennsteiggedicht
Das Rennsteiglied
Musik: Herbert Roth, Text: Karl Müller(C) Hardt Musik Verlag Leipzig 1951
1. Strophe
Ich wand're ja so gerne am Rennsteig durch das Land, den Beutel auf dem Rücken, die Klampfe in der Hand. Ich bin ein lust'ger Wandersmann, so völlig unbeschwert. Mein Lied erklingt durch Busch und Tann', das jeder gerne hört.
Diesen Weg auf den Höh'n bin ich oft gegangen, Vöglein sangen Lieder. Bin ich weit in der Welt, habe ich Verlangen, Thüringer Wald, nur nach dir.
2. Strophe
Durch Buchen, Fichten, Tannen, so schreit' ich in den Tag, begegne vielen Freunden, sie sind von meinem Schlag. Ich jodle lustig in das Tal, das Echo bringt's zurück. Den Rennsteig gibt's ja nur einmal und nur ein Wanderglück.
Diesen Weg auf den Höh'n bin ich oft gegangen, Vöglein sangen Lieder. Bin ich weit in der Welt, habe ich Verlangen, Thüringer Wald, nur nach dir.
3. Strophe
An silberklaren Bächen sich manches Mühlrad dreht, da rast' ich, wenn die Sonne so glutrot untergeht. Ich bleib' solang' es mir gefällt und ruf' es allen zu: Am schönsten Plätzchen dieser Welt, da find' ich meine Ruh'.
Diesen Weg auf den Höh'n bin ich oft gegangen, Vöglein sangen Lieder. Bin ich weit in der Welt, habe ich Verlangen, Thüringer Wald, nur nach dir.
Der Rennsteig
Viktor von Scheffel
(1)
Das war ein Ritt – lass dir von ihm berichten – ein Ritt auf wilder, moosverstrüppter Bahn: Es galt des Forstmanns friedlich heitern Pflichten, und Heldentaten wurden nicht getan. Doch wem der Heimat reine Lüfte teuer, wer grüne Farbe über alles hält, der fragt nicht viel nach Kampf mit Ungeheuer, nach Lorbeerkronen welcher Fabelwelt. Vergnügt, wenn ihm sein täglich Brot bescheret und jener Harzduft, der die Seele nähret.
(2)
Wir trabten aus – getreue Waldespfleger, die Henneberger, die des Abts von Fuld, und andre mehr, bestand’ne Meisterjäger, wie sie berief verschiedner Landherrn Huld. Auf Bergesscheiteln läuft ein alt Geleise, oft ganz bedeckt von Farnkrautüberschwang; - schickt sich der Storch zum siebtenmal zur Reise, so neut sich dort des Nachbarn Grenzbegang: In Forst und Jagd gilt’s, Zweiungen zu einen und neu die Mark zu zeichnen und zu steinen.
(3)
Kein steinern Pflaster, drauf die Römer zogen, wie es mein Aug’ im Heil’gen Land erschaut, mit Meilenzeigern, Wasserleitungsbogen, mit Grabdenkmalen, Brücken reich umbaut. – Ein deutscher Bergpfad ist’s! Die Städte flieht er und keucht zum Kamm des Waldgebirgs hinauf, durch Laubgehölz und Tannendunkel zieht er und birgt im Dickicht seinen scheuen Lauf. Das Eichhorn kann von Ast zu Ast sich schwingen, soweit er reicht, und nicht zu Boden springen.
(4)
Der Rennsteig ist’s: Die alte Landesscheide, die von der Werra bis zur Saale rennt und Recht und Sitte, Wildbann und Gejaide der Thüringer von dem der Franken trennt. Du sprichst mit Fug, steigst du auf jenem Raine: Hie rechts, hie links! Hie Deutschlands Süd, dort Nord … Wenn hier der Schnee schmilzt, strömt sein Guss zum Maine, was dort zu Tal träuft, rinnt zur Elbe fort. Doch auch das Leben weiß den Pfad zu finden, was Menschen trennt, das muss sie auch verbinden.
(5)
Verscholl’ner Völker dunkle Wanderungen, Kampf um den Landhag … Überfall und Fluch …Kriegswiese … Mordfleck … Richtstatt: manch verklungen Geheimnis schwebt um Höhensaum und Schlucht. Und wer zu hören weiß in frommem Lauschen, wie herrlicher als Lied und Kunstgedicht in stundenlangem, leisem Wipfelrauschen des Waldes Seele mit sich selber spricht, der muss, wenn sommerliche Lüfte wehen, auf diesem Weg als Wandrer sich ergehen.
(6)
O Lust, die grüne Wildnis zu umkreisen! Ich war als Obmann für den Zug gewähltund trug den Handschuh, feierlich zu weisen, wo sich ein Markstein findet, wo er fehlt. Oft ritten Stunden wir und ritten Meilenund trafen keine Hütte, keinen Herd …Oft ließen wir die Rosse, und mit Beilenward dicht Gesträuch gerodet und geklärt. Auch schreckte in der Quellschlucht Nebelfeuchtenverfaulter Stämme nächtlich Irrlichtleuchten.
(7)
Und als wir kamen ab der Hohen Leite, dem Donnershaugk, der Zeller Loibe nah, wie dehnte sich in unermessner Weiteblaufernem Glanz vor uns die Landschaft da! Dann hob der Ruppberg sich, der gipfelbloße, und des Gebrannten Steins verwitternde Haupt, der Kleine Dolmar, kraftvoll wie der Große, der Hermannsberg, von Buchengrün umlaubt. Zu Füßen tief – im Nebel tauig dämmernd – der Schönaugrund, hufschmiedend, eisenhämmernd.
(8)
Dort im Gewirr der nah’ und fernen Rücken erkannt ich auch den hohen Stiller Stein und sah gerührt mit heimatfreud’gen Blicken in meiner Kindheit raues Land hinein.Wer kennt das Strohdachdörflein in dem Tale, durch das die Stille zur Schmalkalde fließt?’s ist meine Hauptstadt! Leider eine kahle, wo Hirse nur und dünner Hafer sprießt. Bleib’ ihr als einz’ger Schatz denn unentweiht das Glück zufriedner Abgeschiedenheit!
(9)
Und als wir kamen zum Dreiherrensteine, briet schon am Spieß das Reh, das wir erlegt, am Steintisch ward im traulichen Vereine im Namen der drei Herrn des Mahls gepflegt. Und da geschah’s, nach Brauch der Nachbarmärker, dass jeder Gast auf eigner Hoheit saß, und doch der Thüring und der Henneberger mit dem von Fuld aus einer Schüssel aß. „In strengen Rechten Nachbarschaft und Frieden!“ So ward’s durch dieses Sinnbild uns beschieden.
(10)
Viel Volks war unsrer Mahlzeit zugelaufen, als wär’s ein heidnisch Götzen-Opferfest; sie lagerten im Gras in bunten Haufen und schmausten des gebrat’nen Rehbocks Rest. Und mit dem Handschuh winkt’ ich sie zum Kreise: “Als wär’ zur Stund ein Waldgericht gehegt, sei jedem jetzt nach Weidmannszeugnis weise des Tags Bedeut sein Lebtag eingeprägt! Wir Förster schreiben ungern mit der Feder, doch unsre Zeichenschrift versteht ein jeder!“
(11)
Die Knaben zupft ich weidlich an den Ohren, den Mannen fuhr ich raufend durch den Bart und sprach: „Nun merkt, als sei es frisch beschworen, wie hier der Rennsteig frisch bestätigt ward! Doch merket auch, dass, wie wir drei im Frieden am gleichen Stein das gleiche Mahl verzehrt, ihr drüben, wie wir hüben, ungeschieden dem gleichen Volk als Brüder angehört: Ein Deutschland nährt den Thüring, Hessen, Franken, und echter Liebe setzt kein Markstein Schranken!“



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