Aktivregion Rennsteig im Thüringer Wald

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Am wilden Fluss

Prädikatsweg: Panoramaweg Schwarzatal

Zwischen Goldgräbern und Naturjuwelen Das Schwarzatal zu durchwandern, ist in jeder Hinsicht ein Abenteuer.

Herausfordernde Wanderpassagen über Steilhänge und Felspartien wechseln sich ab mit entdeckungsreichen Pfaden entlang des Flussufers. Dabei begegnet man seltenen Gesteinsformationen wie den Strudeltöpfen zwischen Bad Blankenburg und Schwarza, die von der mächtigen jahrtausendealten Kraft des Wassers berichten. Das tief eingeschnittene, kühlfeuchte Schwarzatal ist Lebensraum einer besonderen Tier- und Pflanzenwelt, die sogar europäischen Schutzstatus genießt. Wildwasserstrecken, naturnahe Laubwälder und historische Städte und Dörfer prägen diesen Weg, der als „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland" ausgewiesen ist. Die insgesamt 136 Kilometer können in acht verschiedenen Etappen erwandert werden.

Alles ist im Fluss

Wo sich Wasseramsel, Eisvogel und Regenbogenforelle wohl fühlen, muss es einfach schön sein. Der Gedanke liegt noch in der Luft, da macht sich bereits das Tosen von Wassermassen bemerkbar. Ein paar Schritte vom Wanderparkplatz entfernt offenbart sich, woher das kräftige Rauschen kommt: In mehreren Kaskaden überwindet die Schwarza – ein über 50 Kilometer langer Nebenfluss der Saale – das Chrysopraswehr. Der Name des Wehrs mit seinen Staustufen, die wie überdimensionale Treppen ausschauen, über die sich das Wasser in breiten Schleiern ergießt, erinnert an die einstige Suche nach dem Edelstein Chrysopras in der Gegend. Hier am Ende der Stadt Bad Blankenburg beginnt es also, das sagenumwobene und vielfach gerühmte wildromantische Schwarzatal. Leonardo da Vinci sagte einst, Wasser sei die treibende Kraft der gesamten Natur. Das lässt sich insbesondere entlang des Panoramawegs Schwarzatal eindrucksvoll beobachten: Über tausende von Jahren hat sich die Schwarza 300 Meter tief in die Rumpffläche des Schiefergebirges gegraben. Schluchtwälder entstanden, imposante Felsformationen und eine Artenvielfalt, wie man sie nur noch selten vorfindet. Das alles macht das Schwarzatal so wertvoll, dass es mehrfach unter Schutz gestellt wurde. Es ist einerseits Naturschutzgebiet, andererseits ein nach europäischen Richtlinien geschütztes Flora-Fauna-Habitat. Der Panoramaweg Schwarzatal ist als Rundwanderweg angelegt. Start und Ziel ist der Rudolstädter Ortsteil Schwarza bzw. die Mündung des Flusses Schwarza in die Saale. In mehreren Etappen können die engen Schluchten und breiten Talgründe erwandert werden. Dabei geht es bis hinauf auf über 700 Meter, wo der Fluss seinen Ursprung hat: an der Quelle nahe Scheibe-Alsbach, am berühmten Rennsteig. Mein Etappen-Schnupperkurs führt mich von Bad Blankenburg bis Sitzendorf – und dies bei strahlendem Sonnenschein. 

Vom breiten Weg zum steilen Wurzelpfad

Meine ersten Kilometer sind eine sanfte Einstimmung auf den Tag: Trotz gleißender Sonne ist es angenehm kühl unter dem Blätterdach hochgewachsener Laubbäume und in unmittelbarer Flussnähe. Ein laues Lüftchen weht vom Ufer herüber und lässt einige Blätter in eine Art Walzertanz verfallen. Das eifrig nickende Blattgrün schaut aus, als wolle es mich begrüßen. Und auch einige Radfahrer und Wanderer, die mir entgegenkommen, lassen ein freundliches „Hallo!“ verlauten. In leichten Schleifen windet sich der Weg und bleibt in enger Nähe zum Fluss. Manchmal ist das Ufer so flach, dass man hineinlaufen und sich erfrischen möchte. Zumindest laden einige große flache Steine zu einem kurzen Balanceakt ein – und zur Beobachtung von schillernden BlauflügelPrachtlibellen, die sich auf den riesigen Pestwurzblättern eine Flugpause gönnen. An einer Weggabelung lese ich: „Eberstein 1 km“ – mein Stichwort. Und so bewege ich mich zum ersten Mal vom Ufer weg, zunächst leicht bergan, bis sich der Weg um einen großen Felsen herumwindet. Ab hier geht es hinauf entlang eines schmalen Wurzelpfades, der mit felsigen Abschnitten durchsetzt ist. Kurz vor der Ankunft an der ehemaligen Jagdanlage Eberstein bietet sich ein Blick ins Tal, und zwischen den großen Baumwipfeln lassen sich die steil abfallenden Berghänge gegenüber erspähen. „Die Ruine des kleinen Jagdschlosses Eberstein erinnert an die Zeit der Schwarzburger Fürsten, die hier bis 1918 Wildschweine aufzogen und bejagten. Die Kellerräume dienten zur Einlagerung des Wildfutters, daneben sind noch Reste eines Pferdestalls erhalten“, liest ein Pärchen aus einem Wanderführer vor. Die beiden haben es sich unter einer überdachten Bank gemütlich gemacht – ich darf den Geschichten lauschen, und bedanke mich für den historischen Exkurs, bevor es zurück hinab ins Tal geht.

Strudeltöpfe und Goldwaschpfanne

 An einem Felshang entdecke ich sie endlich, die wohlriechende Sonnenanbeterin. Mit solch trocken-heißen Standorten können es nur speziell angepasste Pflanzen aufnehmen – eine davon ist die leuchtende Pfingstnelke, die man sonst nur aus Steingärten kennt. Sie ist besonders geschützt und sollte nur in Berührung mit nektarschlürfenden Insekten kommen, zu denen vor allem Tagfalter zählen. Der Pfad entlang des Berghanges wird schattiger und weitet sich. Immer wieder ragen Felsen hervor, viele Farnarten und Gräsern sitzen in dichten Büscheln dazwischen. Hier und da beugen sich Fingerhüte über den Weg. Die Straßen in der Ferne hört man kaum, so abgelenkt ist man vom Waldesgrün und Vogelgezwitscher. Ein üppiger Mischwald mit Bergahorn und Buchen mit ausladendem Blätterdach prägen den Panoramaweg auf diesem Anschnitt, dazwischen Gesteine mit Moospolstern und Flechten. Auf dem breiten und unbefestigten Forstweg läuft es sich gut, in ausladenden Bögen windet er sich hinab ins Tal, bis das Ufer erreicht ist. Das Wasser rauscht, die ersten Prachtlibellen tauchen wieder auf, es riecht frisch-würzig. Spannung liegt in der Luft. Meine Vorfreude auf die Strudeltöpfe – einer besonderen geologischen Formation, die Kolke genannt wird – ist groß. Und ich werde nicht enttäuscht: Bizarre Gebilde aus Stein ragen aus dem Flussbett auf. Die hellgrauen und im Sonnenlicht fast weiß leuchtenden Felsvertiefungen faszinieren nicht nur mich. Zwei Wanderer versuchen emsig die besten Positionen für Fotoaufnahmen zu finden. Dabei landet ein Fuß im Wasser, was Anlass für Scherze und Gelächter ist. Ich erfahre, dass die beiden aus Chemnitz sind. „Auf der Flucht vor der extremen Hitze haben wir uns kurzerhand für Thüringen entschieden und sind für ein paar Tage hierhergefahren – Saalfelder Feengrotten, Schwarzatal… eben Abkühlung“, meint einer von beiden. „Das scheint ja gut zu klappen“, antworte ich mit einem Augenzwinkern und den Blick auf den triefenden Schuh gerichtet. Dann widme ich mich nochmals intensiv den Strudeltöpfen und kann mich kaum sattsehen. Kleinstes Geröllmaterial und Sandpartikel haben über Jahrtausende kesselartige Vertiefungen in das Flussbett geschmirgelt. Die löcherartigen Gebilde schauen wirklich aus wie Töpfe, in denen Wasser sprudelt. Sie stehen als hydrogeologische Naturdenkmale unter Schutz und kommen extrem selten vor. Das führt mich gedanklich zu einer weiteren Besonderheit dieses Flusses, denn er gilt als der goldreichste Fluss in Deutschland. Viele 0rte sind auf Ansiedlungen von Goldsuchern zurückzuführen – und noch heute finden unter fachkundiger Anleitung Goldwaschveranstaltungen in der Schwarza statt.

Hör mal, wer da hämmert

Die Schwarza zeigt sich nun als breiter Fluss mit auffallenden Stromschnellen. Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die am Ufer stehenden Bäume und hinterlassen ein schönes Mosaik aus Licht und Schatten auf Wasseroberfläche. Im weiteren Verlauf des Wanderweges nimmt das ruhige, sanfte Rauschen des Flusses fast schon meditative Züge an. Immer wieder begegnen mir neben Wanderern auch Radfahrer, die den breiten geschotterten Weg entlang des Ufers sichtlich genießen. Mir fällt moosbewachsenes Totholz am Wegesrand auf, auf dem baumzersetzende Pilze emporklettern. Links des Weges geht es steil hinauf, Baumwurzeln graben sich tief ins Gestein und dichte Moospolster bedecken die Felsen. Ich versuche Ausschau nach Feuersalamandern zu halten – ihnen müsste es eigentlich richtig gut gefallen, hier in den kühl-feuchten Bereichen. Da höre ich plötzlich das unverkennbare Klopfen eines Spechtes, was mich an eine weitere Schwarzatal-Spezialität erinnert: Nahezu sämtliche in Deutschland vorkommende Spechtarten wurden im Naturschutzgebiet Schwarzatal nachgewiesen. Welcher wird es wohl sein, der hier ein neues Einfamilienhaus in einen Altbaum zimmert? Viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht, denn ich habe bald eine Verabredung mit einer Naturführerin – also weiter bis nach Schwarzburg. Strammen Schrittes erreiche ich den Ortsbeginn, und dann geht es an einem Abzweig hinauf auf den Bergsattel. Doch vorher fordert mich ein ordentlicher und in Teilen recht steiler Anstieg heraus – der heiße Julitag tut sein Übriges: Das Gestein am Hang hat sich aufgeladen mit Sonnenenergie und strahlt nun ordentlich Wärme zurück. Einige Schlucke aus der Trinkflasche und das Ziel weiter fest vor Augen helfen. Es ist geschafft. Auf einem Schild lese ich „Schwarzatalblick“ und lasse mich vom Panorama auf die weite Waldlandschaft des Schiefergebirges verzaubern. Meine nächste Rast ist am Helenensitz, einem beliebten Aussichtspunkt, benannt nach der zweiten Gemahlin des Fürsten Friedrich Günther von Schwarzburg- Rudolstadt, Helene Gräfin Reina, und ihrer gemeinsamen Tochter Helene. Auf der kühlen steinernen Bank zu sitzen ist eine wahre Wohltat und ich verweile genüsslich. Unterhalb des steinernen Ruheplatzes liegt die Hirschtränke, die einst vom Fürstenpaar als Tränke und Wildfütterungsplatz für Hirsche angelegt wurde. Ein paar Kilometer weiter geht’s vorbei am Mooshäuschen, einer urigen Schutzhütte, wieder hinunter in Richtung Fluss.

Aus Liebe zur Heimat: Natur- und Landschaftsführerin Annett Lindner

Annett Lindner – zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin

Als das Schild „Pocherbrücke“ auftaucht, atme ich auf und laufe entspannt dem Wanderparkplatz entgegen. Tatsächlich bin ich überpünktlich und habe sogar noch Zeit für eine Verschnaufpause, bevor ich Annett Lindner zum Interview treffe. Und dann taucht sie auf, mit grünem Rucksack und dem Logo des Naturparks Thüringer Wald auf ihrem Shirt. Sofort kommen wir locker ins Gespräch und Annett berichtet mir, dass sie seit 2012 nebenberuflich und im Ehrenamt als zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin unterwegs ist. Eine ihrer Lieblingsecken sei die Gegend rings um Schwarzburg. „Mein Motto ist ‚Geschichte trifft Natur‘, denn viele Wanderer sind an beidem interessiert: An Besonderheiten der Natur und an der reichen Historie dieser Landschaft“, erklärt sie einleuchtend. Von Kindesbeinen an sei sie mit ihren Eltern viel unterwegs gewesen und hat dabei die Liebe zur Natur immer mehr vertieft. „Zwar bin ich gebürtige Rudolstädterin, aber kenne mich durch die vielen Ausflüge in der gesamten Region sehr gut aus“, bekräftigt Annett. Und dann wandern wir gemeinsam los und sie begleitet mich ein Stück des Weges. Momentan würden auf Wanderungen auch aktuelle Themen besprochen, wie die Umgestaltung der Wälder zu gesunden Mischwäldern. Annetts Touren sind meist nicht länger als vier bis acht Kilometer, und das ganz bewusst. So habe man Zeit, die Umgebung intensiv zu genießen – und vor allem die Ruhe und Beschaulichkeit des Schwarzatals. „Die meisten Teilnehmer sind entweder Thüringer oder Touristen aus angrenzenden Bundesländern wie Sachsen, Bayern und Hessen“, erklärt Annett. Ihr Dasein als Wanderführerin sei ein willkommener Ausgleich zur Arbeit in der IT-Abteilung einer Maschinenbaufirma, sagt sie, und weist mich auf einen geschichtsträchtigen Ort am Fluss hin: „Es heißt, dass die Schwester des Fürsten hier jeden Morgen ein Bad nahm – die Schwarza ist an dieser Stelle tatsächlich tief genug, um ein paar Züge zu schwimmen“. Noch einige Meter gehen wir zusammen, dann trete ich die letzten Kilometer nach Sitzendorf allein an.

Wie das Leben, so der Fluss

Das leise und stetige Rauschen der Schwarza begleitet mich bis nach Sitzendorf, der Wanderweg verläuft angenehm im Schatten der Bäume und auf erdigem Boden. Als ich einen Blick auf das klare, steinumspülende Wasser nehme, kommen mir die vielen bedrohten Wasserlebewesen in den Sinn. Bachforellen und Bachneunaugen, aber auch Steinfliegen, Köcherfliegen und seltene Wasserkäfer haben ein Refugium in der Schwarza gefunden. Sie sind an die teils extremen Schwankungen zwischen Niedrig- und Hochwasser angepasst und können hohe Strömungsgeschwindigkeiten tolerieren. Um die Erhaltung dieser bedrohten Arten und die Schönheit des Tals in den Fokus zu rücken, wurde die Schwarza sogar schon zur „Flusslandschaft des Jahres“ gekürt. Und auch mich hat die Etappenwanderung auf dem Panoramaweg Schwarzatal und die wildromantische Natur berührt. Mal fließt die Schwarza sanft und friedlich dahin, mal nimmt sie ordentlich Fahrt auf und hat Wildwassercharakter – wie der Fluss, so das Leben. Und umgekehrt. Mein Fazit, als ich das beschauliche Sitzendorf erreiche: Das Schwarzatal gilt zurecht als eines der schönsten und ursprünglichsten Flusstäler Thüringens. Und meine nächste Etappe ist bereits in Planung.